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Chinas Reform und Öffnung:

Theorie und Praxis


Übersetzt von Guo Jing 郭婧 und Thomas Zimmer,
mit einer Einführung von Cai Fang 蔡昉 und einer Nachbemerkung von Ylva Monschein

Deutsche Ostasienstudien 57
OSTASIEN Verlag
Softcover (17,6 x 25,0 cm), v + 344 Seiten
July 2026. € 49,80
ISBN-13: 978-3-911262-21-7 (978-3911262217, 9783911262217) ISBN-10: 3-911262-21-3 (3911262213)
Vertrieb: CHINA Buchservice / Bestellen

 
   

Dieses von zahlreichen führenden chinesischen Experten verfasste Werk präsentiert die über 40 Jahre erfolgte Reform- und Öffnungspolitik der VR China. Unterteilt in fünf Phasen, von 1979 bis in die frühen 2020er Jahre, entwickeln die Autoren in insgesamt 18 Kapiteln ein detailliertes Bild von den enormen Anstrengungen, die von den jeweiligen Regierungen unternommen wurden, den erzielten Erfolgen, aber auch zwischenzeitlichen Rückschlägen, die China, das durch die Wirren der Jahre der Kulturrevolution auf den Stand eines Entwicklungslandes zurückgefallen war, über mehrere Stufen hin zu einer modernen Gesellschaft durchlaufen hat.

Teil I: Beginn von Reform und Öffnung
   Kap. 1 „Reformen in der Landwirtschaft“ (Wei Houkai)
   Kap. 2 „Neugestaltung der städtischen Wirtschaft und makroökonomische Reformen“
         (Zhang Xiaojing, Huang Qunhui, Yan Kun, Dong Yun)
   Kap. 3 „Öffnung nach außen“ (Gao Lingyun)         

Teil II: Aufbau der sozialistischen Marktwirtschaft
   Kap. 4 „Entwicklung der exportorientierten Wirtschaft“ (Xu Qiyuan)
   Kap. 5 „Mobilität von Arbeitskräften und Reform des Beschäftigungssystems“ (Cai Fang)
   Kap. 6 „Institutionelle Innovation bei staatseigenen Unternehmen und Entwicklung des Kapitalmarkts“
         (Huang Qunhui, Tang Duoduo)
   Kap. 7 „Reform des Systems des Grundeigentums“ (Wei Houkai, Li Dengwang)
   Kap. 8 „Streben nach einer ausgewogenen, koordinierten und nachhaltigen Entwicklung“
         (Zhang Xiaojing, Yan Kun, Dong Yun)

Teil III: Umfassende Vertiefung der Reformen im neuen Zeitalter –
   Kap. 9 „Wirtschaftlicher Aufbau und Reform des Wirtschaftssystems“
         (Huang Qunhui, Zhang Xiaojing, Yan Kun, Dong Yun)
   Kap. 10 „Politischer Aufbau und Reform des politischen Systems“ (Li Zhenghua, Dong Yan)
   Kap. 11 „Kultureller Aufbau und Reformen im Kultursektor“ (Feng Yanli)
   Kap. 12 „Sozialer Aufbau und Lebensqualität der Bevölkerung“ (Du Yang, Cheng Jie)
   Kap. 13 „Aufbau der ökologischen Zivilisation und weiterführende Reform“ (Zhang Yongsheng)

Teil IV: Umfassende Öffnung nach außen im neuen Zeitalter –
   Kap. 14 „Einführung der Seidenstraßeninitiative und Umsetzung“ (Xu Xiujun)
   Kap. 15 „Proaktive Öffnung im Gegenwind der Globalisierung“ (Su Qingyi, Dong Yan)
   Kap. 16 „Aufbau einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ (Zhang Yuyan, Feng Weijiang)

Teil V: Überlagerung der beiden „Jahrhundertziele“ –
   Kap. 17 „Umfassende Vollendung des Aufbaus einer Gesellschaft“ (Li Xuesong, Feng Ming)
   Kap. 18 „Erfolge im Kampf gegen die Armut“ (Wei Houkai, Yang Sui)

Chronik (Wu Li)

Verfasser der in diesem Band enthaltenen Beiträge (in alphabetischer Reihenfolge): Cai Fang 蔡昉, Cheng Jie 程杰, Dong Yan 东艳, Dong Yun 董昀, Du Yang 都阳, Feng Ming 冯明, Feng Weijiang 冯维江, Feng Yanli 冯颜利, Gao Lingyun 高凌云, Huang Qunhui 黄群慧, Li Deng­wang 李登旺, Li Xuesong 李雪松, Li Zhenghua 李正华, Su Qingyi 苏庆义, Tang Duoduo 汤铎铎, Wei Houkai 魏后凯, Wu Li 武力, Xu Qiyuan 徐奇渊, Xu Xiujun 徐秀军, Yan Kun 闫坤, Yang Sui 杨穗, Zhang Xiaojing 张晓晶, Zhang Yongsheng 张永生, Zhang Yuyan 张宇燕

Die deutsche Ausgabe ist ergänzt durch eine Nachbemerkung von Ylva Monschein, die die Gesamtdarstellung kontextualisiert und sich besonders mit der Frage beschäftigt, wie China das erklärte Ziel der Armutsbekämpfung im Laufe dieser 40 Jahre sukzessive verfolgt hat.

 


 
   
   

Nachbemerkung[PDF]

von Ylva Monschein
 
   

Zu einer Zeit, da hierzulande das Schlagwort „Zeitenwende“ noch nicht inflatorisch in Gebrauch war, kam es im Dezember 1978 tatsächlich zu einer epochalen Zäsur. Was heute vielfach als „China-Wunder“ bestaunt wird, begann auf dem 3. Plenum des XI. Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), ein Ereignis, das damals im Westen kaum Beachtung fand, aber in seiner Symbolkraft dem Gründungsdatum 1949 der Volksrepublik kaum nachsteht und auch die „Chronik“ wichtiger Ereignisse im Anhang dieses Bandes einleitet. Die tiefenhistorische Dimension soll der V-förmige Verlauf des BIP-Anteils an der Weltwirtschaft im Verlauf der letzten zwei Jahrtausende (Abb. 1 dieses Bandes), gestützt auf Vorarbeiten von Angus Maddison (1926–2010),[1] belegen. Demnach wäre China die erste große Zivilisation der Weltgeschichte, der nach ihrem Abstieg nochmals ein solcher Aufstieg gelang.

Vier Dekaden aus Expertensicht

Der vorliegende Band mit einer Einführung des Ökonomen Cai Fang (*1956) entstand im Nachgang zum 40. Jahrestag (2018) der bis heute andauernden Ära von „Reform und Öffnung“ (gaige kaifang). Auf Anregung von Präsident Xi Jinping, Lernerfahrungen aus den Reformdekaden zu erschließen, ist diese interdisziplinär und multiperspektivisch angelegte Studie entstanden. Schließlich war der Weg in eine moderne Wohlstandsgesellschaft, systematisch anvisiert in den beiden überwölbenden und konvergierenden „Jahrhundertzielen“ (bainian mubiao), nicht weniger als ein epochales Vorhaben: Bis 2021, zum 100. Gründungsjahr der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) wurde, das bestätigen auch unabhängige Untersuchungen, die absolute Armut abgeschafft und eine Gesellschaft in bescheidenem Wohlstand (xiaokang) erreicht. Nun wird, nach dem Zwischenziel einer „grundlegenden sozialistischen Modernisierung“ (2035) zum 100. Geburtsjahr der Volksrepublik (2049) das Fernziel einer sozialistischen Gesellschaft auf Niveau westlicher Industrieländer und damit eine „Renaissance der chinesischen Nation“ angestrebt.
Ein solches Jubiläum bot für alle einen willkommenen Anlass, Bilanz zu ziehen, die den Reformprozess beobachtet oder aktiv begleitet hatten, mich eingeschlossen.[2] Die Herausgeber selbst haben bereits Monographien vorgelegt, von denen jede für sich die vielfältige Forschungstätigkeit zu Chinas Reformära reflektiert.[3] Ein weiteres Ergebnis ist dieser Sammelband, der aus fünf Hauptteilen in chronologischer Abfolge besteht und einen Themenfächer aus 18 Kapiteln zu einem detailreichen Kompendium aus einem Guss zusammenführt. Die Beiträge liefern 24 ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet, Mitglieder der führenden chinesischen Denkfabrik CASS (Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften), der einzigen Einrichtung, an der sogar in der „Kulturrevolution“ Studien westlicher Ökonomie möglich waren. Publikationen und Empfehlungen ihrer hochkarätigen Wissenschaftler finden regelmäßig Eingang in konzeptionelle Überlegungen zur Zukunftsgestaltung des Landes. Wei Houkai (*1963), Verfasser von Kap. 1 und Ko-Autor zweier weiterer Kapitel, gab vor kurzem einen Bericht zur aktuell anstehenden ländlichen Revitalisierung heraus.[4] Das Erkenntnisinteresse der Beiträge ist empirisch ausgerichtet, in erfrischender Distanz zur häufig theorielastigen, formelüberfrachteten Mainstream-Ökonomie. Auf diese Weise erfährt man eine Menge über innovative Lösungswege Made in China und ihre Wirkungen bis hin zu Einsichten in die angebliche Blackbox politischer Entscheidungsfindung. In China sind Studium und Formulierung reformrelevanter Richtlinien institutionalisiert, und die CASS war dabei stets einbezogen. Da alle Autoren auf den Kontext historischer Abläufe achten, werden wichtige Daten oder Vorgänge mehrfach aufgerufen. Was also manchmal redundant wirken mag, entspricht der bewährten historiographischen Tradition und erlaubt außerdem, sich wie in einem Handbuch gezielt und erschöpfend zu einem spezifischen Gegenstand, etwa dem Bankensektor oder der Außenwirtschaft, zu informieren.
Die älteren Autoren gehören meiner Alterskohorte an. Ich habe die Reformära Anfang der 1980er Jahre als Studentin in Beijing und Shanghai miterlebt und war nach meiner Promotion von 1988 bis 2002 in Armutsminderungsprojekten chinesisch-deutscher Entwicklungskooperation tätig, die längste Zeit im Shandonger Yimengshan. So durfte ich hautnah miterleben, wie harte, entbehrungsreiche Arbeit an der Basis, vor allem aber Engagement, Lerneifer, Offenheit für neue Ideen und Innovationsfreude auf allen Verwaltungsebenen Erwartungen an Projektziele sogar noch übertreffen können. Ein solches Engagement lässt sich auch aus diesem Band herauslesen. Mögen die geschilderten Erfolge gelegentlich auch etwas euphorisch wirken, liegt das in der Natur von Jubiläumsausgaben. Für aufmerksame Leser wird hingegen nicht nur zwischen den Zeilen die unvorstellbar prekäre Ausgangslage transparent, sondern auch, wieviele Anstrengungen, Rückschläge und Neuplanungen die Basis für Chinas Höhenflug abgaben.

Landreformen

Ende der 1970er Jahre erwachte das Land aus seiner kulturrevolutionären Erstarrung, verschrieb sich den „Vier Modernisierungen“ (in Landwirtschaft, Industrie, Verteidigung, Wissenschaft und Technik) und entledigte sich sukzessive seiner planwirtschaftlichen Fesseln. Auf das Konto der Mao-Ära ging laut Armutsforscher Martin Ravallion (1952–2022) zu Beginn der Reformen mindestens ein Viertel mehr an Armutsbevölkerung.[5] 1979 erhielt die Volksrepublik Entwicklungsstatus bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Nahrungsmittelhilfe durch das World Food Programme (WFP) sowie Unterstützung durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und wurde 1980 Weltbank-Mitglied. Die Volksrepublik, heute als „strategischer Partner“ (oder „systemischer Rivale“) und Drehscheibe technologischen Fortschritts an die Weltspitze vorgerückt, war damals das größte Entwicklungsland der Welt mit 43% der globalen Armutsbevölkerung (1981). Hunger und Unterernährung waren ein Massenphänomen. Gut die Hälfte der Autoren haben diese Zeit als Jugendliche selbst noch miterlebt.
Pragmatischer Wegbereiter einer „zweiten Revolution“[6] von „Reform und Öffnung“ war Deng Xiaoping (1904–1997), der Armut zwar als unvereinbar mit Sozialismus sah, es aber als unumgänglich erachtete, dass einige „zuerst reich“ wurden. Die in Kauf genommene ungleichzeitige Entwicklung war bei einer Bevölkerung, die seit 1982 als erstes Land der Welt eine Milliarde zählte, notwendige Voraussetzung, um der „Armutsfalle“ zu entgehen.[7] Diesen „zuerst“ Reichen erwuchs die künftige Pflicht, mittels geeigneter Umverteilungsmechanismen am Ende allen zu „gemeinsamem Wohlstand“ (gongtong fuyu) zu verhelfen. Deng entwickelte viele dieser Gedanken unter der Prämisse „Entwicklung ist das absolute Prinzip (fazhan shi yingdaoli)“[8] auf seiner legendären Südreise (1992), die den Reformkurs beglaubigen und „ideologisches Fundament einer Armutshilfe chinesischer Prägung“[9] werden sollte.
Die Bedeutung der „historischen Transformation“[10] erkannte der Sozialanthropologe Fei Xiao­tong (1910–2005) bereits 1985. Erst die Entkollektivierung (alle Volkskommunen waren 1983/84 aufgelöst) und die Einführung marktwirtschaftlicher Mechanismen führten zu einem signifikanten Rückgang der Armut. Nach Jahren staatlich verordneter Uniformität war wieder Wettbewerb angesagt. Fei bemerkte, wie Millionen Bauern in die Industrie abwanderten, deren Aufschwung das Sozialgefüge der zu über 80% ländlichen Bevölkerung veränderte: „Das ist historisch einmalig. Wird ein Bauer zum Arbeiter, ist er ein anderer Mensch.“[11] Noch Jahrzehnte sollte die Landbevölkerung die Mehrheit stellen. Erst 2012 betrug Chinas Urbanisierungrate 52,57%; sie liegt inzwischen (2024) bei 65,54%.[12]
Im rasanten Wirtschaftswachstum der ersten Reformjahrzehnte (1978–2001) wurden nicht wenige „zuerst reich“. Während aus heutiger Sicht die 1980er Jahre für viele Entwicklungsländer Afrikas und Lateinamerikas als „verlorene Dekade“ gelten,[13] wirkt Chinas wirtschaftlicher Aufschwung im gleichen Zeitraum erst recht als „Wunder“. Aber wer erinnert sich noch, welche Anstrengungen es kostete, eine aufgezwungene Austeritätspolitik abzuwenden, wie sie damals zahlreiche Entwicklungsländer ruinierte? Auch die Volksrepublik wurde (vgl. Kap. 3) unter „beträchtlichen Druck“ gesetzt, den Binnenmarkt auf einen Schlag zu öffnen und ein Bündel Strukturanpassungsmaßnahmen umzusetzen. Damalige Entscheider waren jedoch, nach den Brachialmethoden aus ihrer eigenen jüngsten Geschichte und im Unterschied zu Russland vorsichtig genug, um sich keiner Schocktherapie zu unterziehen. Schließlich hatte sich ihre eigene schrittweise Vorgehensweise bewährt. Jedoch sollte die starke Exportorientierung, die auch in anderen Ländern Folge neoliberaler Strukturpolitik war, zum chinesischen Markenzeichen werden. Aber während das Median-Pro-Kopf-Einkommen in Entwicklungsländern zwischen 1980 und 1999 nicht mehr als 0% erreichte,[14] katapultierte sich China bis 2010 mit zweistelligen Wachstumsraten auf die Position der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt und war bereits 2009 Exportweltmeister.
Die 1990er Jahre wurden so zwar zu keiner verlorenen Dekade für die Wirtschaftsentwicklung, wohl aber für den ländlichen Raum, wo sich gleich drei strukturelle Defizite auftaten: Stadt-Land- sowie interregionale Disparitäten und eine wachsende soziale Schere. Nicht nur ihre Zahlmeisterfunktion, auch der Eintritt in die WTO (Abb. 5 zeigt die Unterzeichnung in Doha, 2001) stellten für die chinesische Landwirtschaft eine akute Gefahr dar. Diese Risiken sollte das „Programm zur ländlichen Armutsminderung und Entwicklung in China (2001–2010)“[15] minimieren und die Grundlage für einen „bescheidenen Wohlstand“ (xiaokang)[16] schaffen.

Landreformen im Versuchsmodus

„Reform und Öffnung“ bilden in einer Doppelhelix das Leitmotiv des Bandes, der über Fachgebietsgrenzen von mehreren roten Fäden durchzogen ist. Nicht auf alle charakteristischen Leitlinien und Konstanten kann hier eingegangen werden, wohl aber ist der experimentelle Charakter chinesischer Reformen unübersehbar, ein Vorgehen ohne fertiges Konzept oder Referenzrahmen nach dem Motto „über Schrittsteine tastend den Fluss überqueren“ (mozhe shitou guo he).[17] So wird ersichtlich, dass es nicht Zufall oder glückliche Umstände waren, die das „China-Wunder“ vollbrachten, sondern eine Konstellation aus permanenten Versuchsreihen, auf Mikroebene fortlaufend adjustiert, bevor sie auf die Makroebene übertragen wurden. Gerade das graduelle Vorgehen verhinderte ein Scheitern auf ganzer Linie. Niederlagen waren eingepreist und ersparten nicht zuletzt einen Gesichtsverlust. Absicherung bot ein zweigleisiges Vorgehen, wie es an der anfänglichen Doppelpreisgestaltung und heute noch am dualen Wirtschaftssystem (shuangguizhi) abzulesen ist, das Schlüsselsektoren kontrolliert und die Privatwirtschaft reguliert. Der iterative, flexible und risiko­bereite Ansatz in Fragen, zu denen Marx „nichts gesagt“ hatte, wurde zum Erfolgsmodell.
Einen weiteren roten Faden bilden Armutsminderung und ländliche Entwicklung. Chinas Reformen begannen auf dem Land, und zwar dort, wo die Armut am größten und die Subsistenz gefährdet, also das „Problem von Ernährung und Kleidung“ (wenbao) am dringlichsten war. Mit insgesamt zehn Abbildungen, diese aber von zeitgeschichtlicher Signifikanz, hat man sich in diesem Band auf ein notwendiges Minimum an Illustrationen beschränkt, dem umso mehr Symbolwert zukommt. So zeigt Abb. 2 ein Dokument, das 18 mutige Bauernhaushalte in einer Winternacht 1978 beim Licht einer Öllampe konspirativ – so geht die Legende – mit ihren Fingerabdrücken unterzeichneten und sich schworen, gemeinsam für die Kinder derer zu sorgen, denen Gefängnis drohte. Der „Geheimvertrag“ aus Xiaogang (Provinz Anhui), der Wiege des Verantwortungssystems (zerenzhi), ist heute Exponat im Chinesischen Nationalmuseum in Beijing. Damit übernahmen Bauernhaushalte wieder selbst die Produktionsverantwortung für ihren Anbau. Die Szene belegt beispielhaft, wie Reformen auf dem Land auf Graswurzelniveau angestoßen wurden, um nachträglich offiziell genehmigt und nach Erprobung top-down oder fakultativ in der Fläche verbreitet zu werden. Boden blieb öffentliches Eigentum, konnte aber nun gepachtet werden (tudi chengbao).[18] Es gab auch Möglichkeiten, das Kollektivsystem beizubehalten, was nach dem Wegbrechen sozialer Sicherheitssysteme in den Reformanfängen gerade für die Schwächsten vorteilhaft erschien. Dörfer wie Nanjie in Henan, die sofortigen Reichtum für alle anstrebten, aber als Kollektiv unter maoistischen Vorzeichen, wurden vereinzelt als exotische Ausnahmen politisch protegiert und geduldet. Offiziell wurden zunehmend landwirtschaftliche Kooperativen gefördert.
Eine noch so umfangreiche Ausgabe kann nicht alle Höhen und Tiefen der Landreformen nachzeichnen, doch werden Stolperfallen und Hindernisse auf dem Weg aus der Armut deutlich. „Verheerende Belastungen“ der Bauern waren ein Kardinalproblem der 1990er und frühen 2000er Jahre, als sich infolge der Turboindustrialisierung tiefe Gräben auftaten. Abhandlungen zur Lage der Bauern hatten eine Zeitlang Hochkonjunktur.[19] Die bäuerliche Existenz war durch ein unüberschaubares Abgabenbündel bedroht. Dazu zählten nicht nur diverse staatliche Steuern, sondern auch „drei Kollektivgebühren“ an das Dorf und „fünf Gemeinschaftsabgaben“ an die Gemeinde (santi wutong). Hinzu kamen vielerorts kollektive Pflichtarbeitseinsätze (yiwugong), willkürliche Gebühren („die drei Irregulären“ – san luan) oder auch versteckte Belastungen wie Getreidepflichtverkäufe an den Staat unterhalb der Marktpreise, eine deutliche Preisschere zwischen Industrie- und Agrarprodukten sowie vereinzelt sogar teils wertlose Schuldscheine (baitiao) statt Bargeld für die Produktion.
Während es in den staatlich unterstützen, großenteils steuerfreien Armutsgebieten durch den „Acht-Sieben-Plan“, der 80 Millionen Menschen in sieben Jahren (1994–2000) aus der Armut holen sollte, aufwärts ging, kam es zu einer generellen Verschlechterung der bäuerlichen Existenzgrundlage. Sie verschärfte sich durch wachsende Landflucht, eine Migrationswelle in urbane Industriezentren, so dass in vielen Dörfern nur noch Kinder und Alte zurückblieben. Kein Wunder, dass Armutsgebiete oft geringe Lust verspürten, ihren Armutsstatus abzulegen. Schließlich sorgten Notrufe von Vertretern an der Basis für Aufsehen. Li Changping (*1963), als Gemeindeparteisekretär 17 Jahre in der Provinz Hubei tätig, verfasste einen offenen Brief an Premierminister Zhu Rongji (1928–2026).[20] Politisches Handeln war dringend geboten. Man hatte sogar gewagt, dem urban sozialisierten Premier, der sich vor allem auf Reformen im Finanz-, Banken-, Börsen- und Steuerwesen konzentrierte (Kap. 8) und das staatliche Getreidemonpol wieder einführte, bei einer Inspektion der Vorratshaltung ausgerechnet in Anhui, der Wiege der Reformen, einen prall gefüllten Potemkinschen Speicher zu präsentieren.[21]
Den hier höchstens vereinzelt angerissenen Eckdaten in diesem Band ist zu entnehmen: Im Jahrestakt wurden neue Rahmenbedingungen geschaffen für Wirtschafts- und Sozialreformen. Wie viele Widerstände in den Jahren der Ablösung von einer rigiden Plan- und Kommandowirtschaft überwunden werden mussten, dafür gibt es Materialien in unüberschaubarer Fülle. Hervorzuheben sind Erinnerungen und gesammelte Werke früher Vordenker der Reformen, darunter der erwähnte Fei Xiaotong, außerdem der „Vater der chinesischen Landreformen“ Du Runsheng (1913−2015)[22] sowie Chen Junsheng (1927–2002)[23], der als Staatsrat die formale Armutspolitik einleitete und maßgeblich für die Einführung eines Haushaltsverantwortungssystems mit leistungsbezogener Vergütung war. Nicht zu vergessen der Agrarökonom Wen Tiejun (*1951), Impulsgeber für Sannong-Fragen in den 1990ern und um 2000 Initiator einer Bewegung zum „neuen ländlichen Wiederaufbau“ (xin xiangcun jianshe), die – nun aber um eine ökologische Komponente erweitert – an Experimente von James Yen (1890–1990) und Liang Shuming (1893–1988) in den 1920er Jahren anknüpfte.[24] In der Finanzpolitik reüssierte der Entwicklungsökonom und „Marxwirtschaftler“ (Die Zeit, 28.02.2008) Justin Yifu Lin (*1952),[25] der als Chefökonom und Vizepräsident bei der Weltbank einen „diagnostischen Ansatz“ verfolgte. Auch Zeitzeugnisse von der Basis wurden populär, so die 60 Jahre (1940–2005) umspannenden Tagebücher eines Hou Yonglu (1931–2007).[26] Der Kulturwissenschaftler Zhang Ning (*1958) knüpfte mit seiner sensiblen mentalitätsgeschichtlichen Studie zum chinesischen Landleben an Historiker wie Emmanuel Le Roy Ladurie (1929–2023) an.[27] Stellvertretend für viele Werke der Gegenwartsliteratur, die auf dem Land angesiedelt sind, können die Romane von Mo Yan (*1955), des Nobelpreisträgers von 2012, gelten, die das Shandonger Landleben in all seinen Facetten, in Vergangenheit und Gegenwart ausmalen.
Nach den Reformanfängen und den ersten von Du Runsheng verfassten fünf Dokumenten Nr. 1 der Zentralregierung (Zhongyang yihao wenjian) zur Förderung des ländlichen Raums (1982–1986) verschwand der ländliche Sektor 18 lange Jahre von der Prioritätenliste der Regierung. Zwischen 1997 und 2003 stiegen bäuerliche Einkommen um kaum 4% und betrugen höchstens ein Fünftel der städtischen Einkommen. Erst in den 2000er Jahren stand der gesamte sannong-Komplex (die „drei ländlichen“ Themenbereiche Land, Landvolk und Landwirtschaft)[28] wieder im Fokus. Indikatoren dieser neuerlichen staatlichen Vorzugspolitik waren erneut die Dokumente Nr. 1, die ab 2004 und von da an bis heute (2026) durchgängig jedes Frühjahr herauskamen; insgesamt 28 sind es seit 1982.

Armutsminderung als Chefsache

Mit Amtsantritt von Staatspräsident Hu Jintao (*1942) und Ministerpräsident Wen Jiabao (*1942) rückten „Armutsminderung und Entwicklung von Chinas ländlichen Regionen“ in einer zehnjährigen Rahmenplanung 2001–2010 wieder in den Fokus. Diese Planung ähnelte nicht von ungefähr den Entwicklungs- und Armutsdekaden der UN. Im 11. Fünfjahresplan (2006−2010) wurde das Konzept einer an konfuzianische Werte erinnernden „harmonischen Gesellschaft“ (hexie shehui) verankert und von Hu Jintao 2005 den Vereinten Nationen vorgestellt. Eine Sensation war 2006 die Abschaffung der Landwirtschaftssteuer, erstmals seit Einführung von Naturalabgaben, genau 2600 Jahre zuvor. Wen Jiabao, zuvor zuständig für Armutsregionen, war häufig selbst vor Ort, kannte die entlegensten Regionen und war auch gegen Täuschungsmanöver gewappnet, denen man auf Inspektionstouren manchmal ausgesetzt war.
Die Nachfolger, Präsident Xi Jinping (*1953), und Premierminister Li Keqiang (1955–2023) praktizierten diese taktische Unberechenbarkeit auf ihren Feldbesuchen ebenfalls. Von nun an wurden ländliche Problemlagen zur obersten Chefsache. Das Programm „Armutsminderung und Entwicklung“ wurde mit einer zweiten Dekade (2011–2020) unter neuen Akzentsetzungen fortgeführt. Abb. 11 zeigt Xi Jinping 2013 beim Besuch in dem Bergdorf Shibadong (Provinz Hunan), Ursprungsort seiner „zielgenauen Armutshilfe“ (jingzhun fupin).
Der Grundsatz der „Öffnung“ als Zwillingsprinzip im Reformprozess war Haupttriebkraft für den raschen Aufschluss an die Moderne nach einer langen Isolationsphase bis hin zur heutigen globalen Konnektivität, für die unter anderem die 2013 von Xi Jinping erstmals vorgeschlagene globale Seidenstraßeninitiative steht.[29] Chinas tradierte Lernkultur bot dafür beste Voraussetzungen. Hierzu gehörte von Anbeginn das Lernen vom Ausland. Seit Beginn der Reformära wurden ausgiebig Studienreisen betrieben, manchmal scherzhaft verglichen mit der Pilgerfahrt aus dem Roman Xi­youji (Die Reise nach dem Westen). Vor- und Nachbereitung solcher Aufenthalte erfolgten in aller Gründlichkeit, und viele der neuen Erkenntnisse wurden ziemlich schnell praktisch umgesetzt. So besuchte eine chinesische Delegation im Vorfeld des 11. Fünfjahresplans (2006–2010) Südkorea, um die von Park Chung-hee (1917–1979) 1970 angeregte „Neues Dorf-Bewegung“ (Saemaul Undong) zu studieren. Sie kehrte mit Vorschlägen für „neue sozialistische Dörfer“ zurück, die anschlussfähig war an Wen Tiejuns erwähnte ländliche Wiederaufbaubewegung.

Ein umweltfreundliches „Schönes China“

Nachholende Entwicklung ist immer auch eine Entwicklung der Abgehängten, wie bereits Du Runsheng monierte: „In den Industrieländern leben nur 20% der Weltbevölkerung, doch die verbrauchen 80% der Energie. Die USA mit 5% der Weltbevölkerung verbrauchen ein Drittel des Erdöls. Westliche Länder mit ihrem hohen Konsum verbrauchen nicht nur ihre eigenen Ressourcen, sondern auch die der restlichen Welt. Benähme sich China wie die USA, kämen die globalen Ressourcen rettungslos in die roten Zahlen. USA und Westeuropa fingen als Kolonialmächte an, wurden danach zu Finanzimperien und haben außerdem den Vorteil ‚als erste dagewesen‘ zu sein.“[30] Diese Rechnung war längst auch für Umweltschäden aufgemacht.
Die aktuelle Politik misst im jüngsten Dokument Nr. 1 von 2026 zur „landwirtschaftlichen Modernisierung und ländlichen Wiederbelebung“ dem sannong-Komplex oberste Priorität zu, will die Nachsorge in der Armutsbekämpfung verstetigen und ein schönes, harmonisches Landleben, einschließlich Erhalt und Rehabilitierung der Umwelt fördern. Denn naturgemäß begann die „Werkbank der Welt“ relativ spät damit und folgte in ihrer Aufholjagd zunächst dem bequemen Prinzip „erst verschmutzen, dann sanieren“. Viele Vorkehrungen erfolgten gerade in den 1990er Jahren eher reaktiv. Doch wurde auf besonders kritische Ereignisse meist zeitnah reagiert, etwa nach der Jangtse-Flut 1998. Insbesondere unter dem Eindruck der mangelhaft gemanagten SARS-Epidemie setzte ab 2003 ein konzeptionelles Umdenken ein, vom extensiven zum ressourcenschonenden Wachstumsmodell. Die Idee einer „ökologischen Zivilisation“ (shengtai wenming, Kap. 13), wurde erstmals auf dem 17. KPCh-Parteitag 2007 vorgestellt und in den folgenden Jahren schrittweise gesetzgeberisch konkretisiert. Heute hat sich Xi Jinpings Leitgedanke durchgesetzt, wonach landschaftliche Schönheit, also „klare Gewässer und grüne Gebirge“, gleichbedeutend sei mit „Bergen aus Gold und Silber“.
Quasi als Kehrseite der durch Umweltschäden erkauften ökonomischen Superlative schockierte 2015 die selbst finanzierte Filmdokumentation Unter der Glocke (Qiongding zhi xia) der vormaligen CCTV-Journalistin Chai Jing (*1976) über Gesundheitsgefahren der eklatanten Luftverschmutzung in Großstädten. Der Weckruf, der nicht unzensiert blieb, sollte dennoch Wirkung zeitigen. Maskentragen war damals bereits Usus, nicht nur als Schutz vor Ansteckung, sondern auch bei Smogalarm. Relativ zügig wurden Industrieanlagen geschlossen oder an Stadtrandzonen verlagert, wurden Fahrzeuge hoher Schadstoffklassen aus dem Verkehr ausgeschlossen oder reglementiert. Wenn heute verringerte Luft- und Lärmemissionen in Beijing oder Shanghai viele internationale Metropolen hinter sich lassen, wenn chinesische Neuzulassungen von Elektroautos weltweit an siebter Stelle liegen (deutsche hingegen an 17. Stelle), ist das auf eine konzertierte Umweltpolitik zurückzuführen. Ökologie rangiert mittlerweile weit oben auf Chinas Reformagenda, und schon zeigen sich neue, unerwartete Wirkungen: Die in 15 Jahren verbesserten Emissionswerte, so eine noch zu verifizierende Studie,[31] scheinen sich anders als erwartet auszuwirken: Die drastische Verringerung seiner Luftverschmutzung beschleunige angeblich sogar die Klimaerwärmung. China kann es eben nie allen Recht machen.
Jedenfalls sind Chinas jüngste Fortschritte im Bereich Ökologie, Biodiversivität, Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz unübersehbar. Wer neue, innovative Akzente setzt wie etwa Yu Kongjian (1963–2025) mit seinem „Schwammstadt-Konzept“, kann mit großzügiger Förderung rechnen. Sein TuRenScape-Team an der Beijing-Universität trägt nicht nur zu einem ganzheitlichen, ästhetischen Ansatz nachhaltiger Stadtentwicklung bei.[32] Ausgeklügelte, landschaftlich angepasste Kreationen aus Flutschutz, Abwassersystemen, Renaturierungs- und Naherholungsflächen bieten einen Vorgeschmack auf die ökologische Zielsetzung eines „Schönen China“ (Meili Zhongguo), die zum Stichjahr 2035 annährend erreicht sein soll. Pate stand für diese Devise wohl das Tourismus-Logo „Beautiful China“ von 2013, als das erste Tourismusgesetz verabschiedet wurde. Die Initiative dient sowohl als Plan für Chinas nachhaltige Entwicklung als auch als Beitrag zur Erfüllung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) 2030. Ihre Ausgestaltung steckte 2020 noch in den Anfängen, doch dürften Überlegungen zu konkreten Evaluationskriterien längst weiter gediehen sein.[33]

Vom Entwicklungsland zum Entwicklungsstaat

Chinas „Reform und Öffnung“ untersteht der makroökonomischen Leitidee seiner zwei Jahrhundertziele. Bis Mitte des 21. Jahrhunderts soll China sich in ein „großes, modernes, sozialistisches Land“ entwickelt haben, das „wohlhabend, stark, demokratisch, kulturell fortschrittlich, harmonisch und schön“ ist.[34] In seiner Rolle als neue, verantwortungsvolle Großmacht erwachsen China neue, globale Pflichten, die sich auch aus dem Konzept einer „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ (renlei mingyun gongtongti) ergeben, das Xi Jinping erstmals 2013 in Moskau vorstellte. Während man hierzulande höchstens einer verlorenen „Friedensdividende“ nachtrauert und sich in massive Aufrüstungsspiralen versteigt, nahm Xi bereits auf dem ersten Gipfel der Seidenstraßeninitiative (2017, s. Kap. 4) die drei großen Herausforderungen vorweg, mit denen die Weltgemeinschaft konfrontiert sei und die m.E. aus heutiger Sicht zutreffen: Es gibt tatsächlich – und das mehr denn je – ein weltweites „Friedens-, Entwicklungs- und Governance-Defizit“.[35]
Weltweite Armut könnte vermeidbar sein, kämen reiche Industriestaaten ihrer historischen Verantwortung nach. Chinesische Lernerfahrungen erbrachten jedenfalls den Nachweis, dass konsequentes Regierungshandeln auf Basis eines breiten gesellschaftlichen Konsenses eine Voraussetzung für Entwicklungserfolge ist. Ob mit Blick auf Multilateralismus, geteilte Verantwortung oder gerechte Ressourcenverteilung im Sinne nachhaltiger Entwicklung und Klimapolitik: Das Wohlergehen und Überleben eines Landes ist mehr denn je nur noch in Abhängigkeit von unserer globalisierten „Einen Welt“ zu bewältigen. Dafür bedarf es gleichwertiger Entwicklungschancen für alle Länder, unabhängig von ihrem Industrie- und Wachstumsstatus oder ihrer geopolitischen Ausrichtung. Chinas Vision einer „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ knüpft an diese Einsichten an. Doch trotz zunehmender Konfliktkaskaden und eklatanter Ungleichheiten im Nord-Süd-Gefälle zeichnet sich im globalen Norden kein Umdenken ab, geschweige denn die Bereitschaft, von anderen Gesellschafts- und Wissensformen zu lernen.[36]
Dagegen setzt Chinas Einsatz gegen die globale Armut Zeichen gegen den globalen Trend. Anlässlich des in Beijing im Mai 2026 abgehaltenen Internationalen Global Poverty Reduction and Development Forum (GPPAD-Forum)[37] verwies UN-Generalsekretär Guterres in einer Grußadresse auf die globale Entwicklungskrise, in der nach wie vor 800 Millionen Menschen in extremer Armut leben.[38] 1,1 Milliarden Menschen in 109 Ländern leben laut UNDP derzeit in multidimensionaler Armut. Die Erreichung der UN-Agenda 2030 ist gefährdet. Mehr denn je bilden Chinas Erfolge einen Hoffnungsanker. Zwischen 1981 und 2020 wurden fast 800 Millionen Menschen (PKE unter der internationalen Armutslinie von 1,90$)[39] aus absoluter Armut geholt, ein Jahrzehnt früher als das angestrebte SDG-Ziel. Die 2018 gegründete erste chinesische Entwicklungsorganisation China International Development Cooperation Agency (CIDCA) vermittelt in Süd-Süd-Kooperationen Erfahrungen aus der eigenen Praxis und Chinas multidimensionalen Ansatz in der Armutsminderung.
Gerade erst wurde Chinas 15. Fünf-Jahres-Plan (2026–2030) zur Beschleunigung der landwirtschaftlichen und ländlichen Modernisierung vorgestellt.[40] Die Überwindung der Armut war schließlich nicht das Ende, sondern ein weiterer Ausgangspunkt. Chinas Entwicklung geht jedenfalls voran, in der gewohnten „China Speed“[41] und getragen von einer pragmatischen Risiko- und Entscheidungskultur. Kap. 18 des Bandes beschließt den Kreis, wo er begann, mit der Lage auf dem Land und der offiziell erreichten Beseitigung absoluter Armut. Es ist der Status quo eines Landes, das sich in permanenter Entwicklung befindet. Auf dem Weg zum zweiten Jahrhundertziel werden weitere Plananpassungen notwendig. Der Kampf gegen den Rückfall in Armut und das Ringen um einen umfassenden, sozial, ökonomisch und ökologisch ausbalancierten ländlichen Aufschwung, um Verteilungsgerechtigkeit und nachhaltigen allgemeinen Wohlstand gehen weiter. Es ist ein Verdienst dieser Publikation, dass sie diesen Zwischenstand mit Optimismus, aber Realitätssinn verdeutlicht, ohne sich in überspannten Prognosen zu verlieren.
Die andauernde Ära der „Reform und Öffnung“ bleibt Grundkonsens und Handlungsrahmen. Alle Regierungen der Volksrepublik waren ihr bisher verpflichtet, dies natürlich immer in Anpassung an die jeweilige Weltlage und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wie es „kein Ende der Entwicklung“ geben kann, gibt es auch „kein Ende der Reformen“.[42] Man darf davon ausgehen, dass der „Entwicklungsstaat“ China jenseits eines „eurozentristischen Tunnelblicks“[43] primär einem gesamtstaatlichen Leitbild und seiner nationalen Mission verpflichtet ist.[44] Es geht darum, über eine umfassende Modernisierung die Vision vom „chinesischen Traum“ (Zhongguo meng), den Anschluss an die führen­den Industriestaaten und den Aufstieg zur Weltmacht zu verwirklichen. Im vorliegenden Band, aber nicht nur dort, finden sich viele gute Gründe, warum dieser Traum durchaus realistische Chancen hat.


Literatur

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[1]           Cf. Maddison 2007, 379, 382.

[2]           Z.B. Garnaut, Song und Cai 2018; Zheng 2018; World Bank Group, Development Research Center of the State Council 2022; Monschein 2023. Bereits zum 30. und 35. Jahrestag erschienen: Song 2008 und Zhang 2013.

[3]           Xie, Cai und Li 2023; Garnaut, Song und Cai 2018. Das modifizierte Original dieses Bandes: Xie und Cai 2021 sowie dessen ebenfalls teilweise abweichende englische Übersetzung: Project Team of Reform and Opening-up 2021.

[4]           Wei 2025.

[5]           Ravallion 2021, 15.

[6]           Deng Xiaoping 1993, 113-114.

[7]           Hu und Zhou 2024, 64.

[8]          Deng Xiaoping 2001, 373.

[9]          Xing und Li 2018.

[10]          Fei 1999, 344.

[11]          Fei 1999, 518.

[12]          Statista 2026.

[13]          Peters und Burchardt 2015, 13. Zu solchen Fehlentwicklungen: Sachs 2005, 81f.: „Where economic development practice has gone wrong“.

[14]          Easterly 2001, 135.

[15]          Vgl das Weißbuch des State Council Information Office 2011.

[16]          Zu dem Begriff, der auf das klassische Buch der Lieder (Shijing) zurückgeht, s. Hu und Zhou 2024, 1.

[17]          Qin 1999, 23.

[18]          Mehr in Yan und Wang 1992, 40.

[19]          Z.B. Hao 2002; Monschein 2006.

[20]          Li Changping 2002.

[21]          Chen und Chuntao 2004, 224-228; in Übersetzung: Chen und Wu 2006, 303-308.

[22]          Du Runsheng 2005.

[23]          Chen Junsheng 1994.

[24]          Z.B. sein historischer Rückblick: Wen Tiejun 2021.

[25]          S. z.B. Lin, Justin Yifu 2025.

[26]          Hou Yonglu 2006.

[27]          Zhang Ning 2005.

[28]          Zu sannong s. Lu Xueyi 2005.

[29]          Dazu auch Cai Fang, Wang Linggui und Peter Nolan 2024, 56-68.

[30]          Du Runsheng 2005, 213.

[31]          Samset et al. 2025.

[32]          Küchler 2026.

[33]          Zum damaligen Stand s. Fang Chuanglin, Wang Zhenbo und Liu Haimeng 2020.

[34]          Xie Fuzhan, Cai Fang und Li Xuesong 2023, 599.

[35]          Ausführlicher in: Cai Fang, Wang Linggui und Peter Nolan 2024, 56-68.

[36]          Ziai 2018, 208.

[37]          Ndegwa 2026.

[38]          Guterres 2026.

[39]          World Bank Group, Development Research Center of the State Council 2022, viii.

[40]          Tao und Ma 2026.

[41]          Kirsch und Mühlhahn 2026.

[42]          State Council Information Office 2016.

[43]          Peters und Burchardt 2015, 7.

[44]          S.a. Heberer und Müller 2020, 8.