Nachwort
Der Zeitraum ab der Proklamation der Volksrepublik China 1949 durch Mao Zedong bis zu seinem Tod 1976 umfasst knapp drei Jahrzehnte, die in China bis heute nachwirken. Auf die ersten Jahre der umfassenden Landreform und der damit einhergehenden, von großen Teilen der Bevölkerung durchaus enthusiastisch begrüßten Kollektivierung der Landwirtschaft folgten bald erste Ernüchterungen, bei denen zunächst Intellektuelle, bald jedoch auch die einfachen Volksmassen einen hohen Preis zu zahlen hatten. Die „Hundert-Blumen-Bewegung“ (Baihua yundong 百花运动), die 1956/57 zur Kritik an der Parteiführung aufforderte, schien zunächst ein Versuch zu sein, einen Diskurs über die zukünftige Richtung, die Chinas Politik einschlagen sollte, zuzulassen, auf sie folgte jedoch nach wenigen Monaten die „Anti-Rechts-Bewegung“ (Fanyou yundong 反右运动), im Zuge derer eben jene Kritiker in Ungnade fielen und in großer Zahl in Arbeitslager deportiert wurden. Der bald darauf, im Jahre 1958, propagierte „Große Sprung nach vorn“ (Dayue jin 大跃进), hatte zum Ziel, in der Industrie, insbesondere in der Stahlerzeugung, zu den großen westlichen Industrienationen aufzuschließen, und forderte das bedenkenlose Einschmelzen sämtlichen Metalls, was wiederum Millionen von Menschen aus der Landwirtschaft an die Hochöfen zwang. Diese Kampagne führte zwischen 1958 und 1962 zu Missernten und letztlich zu der größten Hungersnot, die die Bevölkerung in China jemals erlitten hat.[1]
Die Propagierung der von Mao gesteuerten und vor allem von den jüngsten Erwachsenen, den sogenannten „Roten Garden“. (hongweibing 红卫兵), getragenen „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ (Wuchan jieji wenhua da geming 无产阶级文化大革命, kurz: Wenhua da geming 文化大革命 oder Wenge 文革), die ab 1966 mit dem scheinbaren Ziel einer egalitären Gesellschaftsordnung zum finalen Angriff auf Tradition, Bildung und bestehende Hierarchien blies, prägt die chinesische Gesellschaft bis heute. Höhere Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Manieren und Respekt galten als bürgerlich und somit verachtenswert, und Tausende Intellektuelle wurden in den Tod getrieben.
Die damaligen „Roten Garden“ sind heute im Ruhestand, aber viele sind noch am Leben, und eine öffentliche Aufarbeitung dessen, was sie damals taten, kann bis heute nur außerhalb der VR China stattfinden. Bis heute arbeitet die Partei daran, die Bevölkerung von der Notwendigkeit kollektiver Führung zur Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung zu überzeugen. Der „Große Sprung nach vorn“. und die „Kulturrevolution“ werden noch überwiegend als große graue Flecken, als tragische Zeiten der jüngeren chinesischen Geschichte bewertet. In offiziellen Dokumenten wird immerhin eingeräumt, dass während der Zeit des Großen Sprungs „Fehler“ gemacht worden seien und dass während der „Kulturrevolution“ „viele Verbrechen begangen worden seien, die das chinesische Volk in großes Unheil stürzten.“[2]
Aufgrund der weitgehenden Tabuisierung dessen, was – besonders in den Jahren zwischen 1966 und 1976 – in China genau geschah, haben es nur wenige chinesische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in China geblieben sind, gewagt, autobiographisch geprägte Romane über die Zeit der „Kulturrevolution“ zu schreiben.[3] Dabei war ab Mitte der 1980er Jahre und bis zu der Zäsur durch den 4. Juni 1989, als die Armee nicht nur in Peking die landesweiten Demonstrationen teilweise blutig niederschlug, die Atmosphäre relativ liberal. Nur so lässt sich erklären, dass ein Werk wie der von Yang Jiang 杨绛 (1911–2016), verfasste Roman Xizao 洗澡 (Das Bad), der ungeschminkt schildert, wie Menschen einander während jener Phase der „Drei-Anti-Bewegung“. der frühen 1950er Jahre denunzierten, und subtil beschreibt, wie von Parteimitgliedern Gehirnwäsche betrieben wurde, im Jahr 1988 in Peking erscheinen konnte.[4]
Ein anderes Werk von Yang Jiang, Women sa 我们仨 (Wir drei), das erst 2003 in China erschien, berichtet, was ihr und ihrem Mann, dem berühmten Gelehrten und Schriftsteller Qian Zhongshu 钱锺书 (1910–1998), als Angehörigen der Intellektuellenschicht, sowie ihrer kleinen Tochter während jener Zeit der politischen Kampagnen und der „Kulturrevolution“ zustieß.[5]
Eine ganze Generation nach Yang Jiang setzten sich die Schriftsteller Yu Hua 余华 und Wang Gang 王刚, die beide 1960 geboren wurden, ebenfalls mit den Widrigkeiten der Mao-Zeit auseinander. 1992 erschien Yu Huas Roman Huozhe 活着 (Leben!),[6] dessen Protagonist als Sohn eines Gutsbesitzers geboren wurde, der zunächst in den Kampf gegen die „Rote Armee“ zieht, dann Kriegsgefangener wird und der, nachdem er wieder in Freiheit ist, all seinen Besitz und seine Familie verliert. 1995 folgte die Publikation seines Romans Xu Sanguan mai xue ji 许三观卖血记 (Xu Sanguan verkauft sein Blut),[7] in dem ein Fabrikarbeiter versucht, zu Geld zu kommen, indem er so oft wie möglich zum Blutspenden geht, bis in der Zeit der großen Hungerkatastrophe auch dies nicht mehr funktioniert. 2005 erschien sodann sein Roman Xiongdi 兄弟 (Brüder),[8] der mit den Exzessen in der Phase von Maos „Kulturrevolution“ abrechnet. Urumqi, die Hauptstadt der Provinz Xinjiang, ist dagegen der Schauplatz des ebenfalls in den Jahren der „Kulturrevolution“ spielenden Romans Yinggelishi 英格力士 (English) von Wang Gang. Der aus Shanghai gekommene neue Lehrer erteilt statt Russisch nunmehr Englisch (und dazu englische Lebensart) und verliebt sich in eine Kollegin mit uigurischem Blut, was an der Schule einen Skandal hervorruft. Der Roman erschien erstmals 2004 in Peking.[9]
Weitaus mehr Werke, in denen die Jahre kurz vor und während der „Kulturrevolution“ thematisiert werden, wurden von Autorinnen und Autoren verfasst, die entweder nach der „Kulturrevolution“ aus China emigriert oder schon im Ausland aufgewachsen sind.
So schrieb die 1957 in Shanghai geborene Schriftstellerin Min Anqi 閔安琪 (Anchee Min) in den ersten acht Jahren nach ihrer Emigration 1984 in die USA an ihrem autobiographischen Roman Red Azalea: Life and Love in China, der dann 1993 in England erschien.[10]>
Ebenfalls autobiographisch ist der 1991 in London erschienene Roman Wild Swans der im gleichen Jahr wie Min Anqi geborenen Zhang Rong 张戎 (Jung Chang), die in Sichuan Zeugin der dortigen Ereignisse wurde. Ihr nach ihrer Emigration nach England verfasster Roman wurde sogleich ein Bestseller. Darin beschreibt sie das Leben ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihr eigenes, zeitweise gezwungenermaßen als Rotgardistin, während der „Kulturrevolution“.[11]
Eine wichtige Rolle spielt die Lektüre westlicher Bücher in dem 2000 bei Gallimard in Paris erschienenen Roman Balzac et la petite tailleuse chinoise des 1954 geborenen Schriftstellers Dai Sijie 戴思杰. Er erlebte als Jugendlicher die „Kulturrevolution“ und emigrierte 1984 nach Frankreich.[12] Die Protagonisten des Romans sind Jugendliche – in der Politsprache jener Zeit als 知青 (gebildete Jugendliche, Abkürzung von zhishi qingnian 知识青年) bezeichnet –, die überwiegend aus Kaderfamilien stammten und die man nun, statt sie ihre Schulausbildung zu Ende bringen zu lassen, aufs Land oder in die Berge schickte, wo sie bei harter körperlicher Arbeit „von den Bauern lernen“ sollten.[13]
Ebenfalls erwähnt sei noch der 2022 in deutscher Übersetzung erschienene Roman Steinway der 1942 in Beijing geborenen Schriftstellerin Wang Rongfen 王容芬, die sich zwischen 1966 und 1979 in Untersuchungshaft und im Arbeitslager in China befand und seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Sie schildert in ihrem Roman Maos blutige Verfolgungskampagnen, insbesondere die grausamen Aktionen der Rotgardisten (hong weibing 红卫兵) und die unmenschlichen Zustände in den Frauengefängnissen der damaligen Zeit.[14]
Gegenüber den expressiv-drastischen Bildern, in denen in dem letztgenannten Buch grausamste Folterungen geschildert werden, nehmen sich die Farben, die die Autorin Kan Yujing 阚昱静 in Schmerzliches Andenken verwendet, fast schon als Pastelltöne aus. Doch auch wenn hier weniger von körperlichen Grausamkeiten die Rede ist, gehen dem Leser die psychischen Foltern, die Kan hier minutiös nachvollzieht, und die daraus resultierenden Traumata keineswegs weniger „unter die Haut“. Die Autorin stützt sich dabei, wie sie in ihrem Vorwort schreibt, auf einen „über 30 cm dicken Stapel von Selbstkritik- und Schuldbekenntnissen“ ihrer Mutter, die einen Zeitraum von 20 Jahren dokumentieren, beginnend mit dem Jahr 1958, also genau dem ersten Jahr der großen Hungersnot (1958–1962) und neun Jahre vor dem Beginn der sogen. „Kulturrevolution“ (1966–1976). Einen Monat lang habe sie damit verbracht, diese Unterlagen zu lesen, wobei sie versucht habe, sich vorzustellen, wie es ihr wohl ergangen wäre, wenn sie anstelle ihrer Mutter diese dauernden Erniedrigungen und diesen Psychoterror erlebt hätte. Zugleich, so Kan weiter, habe sie durch die Lektüre dieser Akten ein tieferes Verständnis hinsichtlich der Frage gewonnen, wie „die Chinesen so werden konnten, wie sie heute sind“.
Biographien traumatisierter Menschen, so könnte man das charakterisieren, worum es in diesem Roman mit stark autobiographischen Zügen geht. Geschildert wird in 66 Kapiteln das Leben einer sechsköpfigen Familie, bestehend aus Vater Qin Shikun, Mutter Tang Minzhi und deren vier Töchtern, das sich überwiegend in einer kleinen Stadt im Norden Chinas abspielt.
Tang Minzhi, die Hauptperson der Handlung, ist schon nach drei Jahren Ausbildung durch äußere Umstände gezwungen, die Schule abzubrechen, kommt danach in mehreren Fabriken unter, bis sie 1954 ihren späteren Mann Qin Shikun kennenlernt, der in der Industriebehörde arbeitet.
Nach ihrer Hochzeit 1956 bekommt sie in rascher Folge ihre Töchter. Als die Hungersnot immer größer wird, nimmt sie mehrmals für ihre kleinen Töchter ausgefilterte Reste aus der Milchpulverproduktion der Fabrik mit nachhause. In den sechziger Jahren wird Tang Minzhi dann an den örtlichen Gerichtshof versetzt, wo sie zahlreiche Verwaltungsaufgaben wahrnimmt. Doch eben jene Mitnahme von Resten aus der Molkerei soll ihr weiteres Leben in ungeahnter Weise belasten. Deswegen von Parteikadern zur Rede gestellt, bringt sie sich noch schlimmer in Schwierigkeiten, indem sie sich rechtfertigt, sie habe befürchtet, dass ihre kleinen Töchter unter Kalziummangel leiden, und habe die Abfälle deswegen mitgenommen, was wiederum als Kritik am System aufgefasst wird. Wenig später werden Tang Minzhi außerdem Unregelmäßigkeiten in ihrer Finanzbuchhaltung vorgeworfen. All dies führt dazu, dass Tang Minzhi letztlich als „Konterrevolutionärin“ gebrandmarkt wird und jahrelang gezwungen wird, Selbstkritiken und Schuldeingeständnisse zu schreiben. 1969 wird sie, obwohl ihre Töchter noch klein sind, wegen ihrer „Renitenz“ in ein Arbeitslager gesteckt, aus dem sie endlich, schwerkrank und dem Tode nahe, entlassen wird.
Erst 1976, nach dem Tod Maos, der zugleich das Ende der „Kulturrevolution“ bedeutet, wird Tang Minzhi rehabilitiert. Es ist der neue Gerichtspräsident, der Tang Minzhi vier dicke Aktenordner reicht, in der all die Materialien ihrer Selbstkritiken und Rechtfertigungen aufbewahrt sind, mit der Bemerkung, dass ihr diese vielleicht „als ein schmerzliches, unvergessliches oder gar furchterregendes Andenken dienen“ werden.
In dieser Reform- und Öffnungsperiode wird Qin Shikun zum Volksabgeordneten im lokalen Volkskongress „befördert“, und Tang Minzhi darf wieder in der Gerichtsverwaltung arbeiten. Es scheint, als nehme das Leben der Familie nun wieder seinen normalen Lauf, doch spürt man beim Lesen, dass die Jahre des Psychoterrors bei allen Mitgliedern der Familie, besonders aber bei Tang Minzhi, tiefe Spuren hinterlassen haben.
Befasst man sich näher mit Tang Minzhis Charakter, so kann man feststellen, dass sie dem Leser zunächst als eine sehr zuverlässige, immer korrekte Frau vor Augen geführt wird. Eine ihrer Schwächen scheint allerdings in einer gewissen Tendenz zur Eifersucht zu bestehen. Diese Tendenz wird schon vor der Hochzeit spürbar, als Tang Minzhi auf ihre möglichen Konkurrentinnen in Qin Shikuns Büro eifersüchtig wird und diese wiederum sie zu mobben scheinen. Bald nach der Hochzeit kommt es sodann zu ersten Verdächtigungen und zu ersten Szenen, die sie ihrem Mann macht. Offenbar ist Qin Shikun, wie im Roman mehrmals angedeutet wird, ein ausnehmend attraktiver Mann. Dass Qin tatsächlich den Verlockungen anderer Frauen zugetan ist oder sich zumindest ihrer schlecht erwehren kann, scheint sich im Verlauf des Romans zwar zum Teil zu bestätigen, zumal Tang Minzhi sich ihrerseits immer mehr von ihm zurückzieht, doch ob er wirklich ein solcher Schürzenjäger war, als den ihn Tang Minzhi verdächtigt, bleibt offen. Möglicherweise – auch das wird im Roman angedeutet – treibt sie ihren Mann gerade durch ihre Eifersucht immer mehr in die Arme anderer Frauen. Wie dem auch sei – die Eifersuchtsszenen nehmen im Laufe der Zeit immer mehr zu, und gerade in der Zeit, nachdem Tang Minzhi aus dem Arbeitslager zurückgekehrt ist, nehmen ihre Eifersuchtsausbrüche mitunter recht pathologische Züge an.
Doch sicherlich weit schlimmer als die privaten „Vergehen“. ihres Mannes lastet auf Tang Minzhi der Psychoterror, der sich in den 20 Jahren der Indoktrinierung, der peinlichen Befragungen und der Zwangsmaßnahmen in ihr aufgestaut hat. Besonders prägend ist die Zurechtweisung seitens der Parteigenossen, die sie wegen des „Diebstahls“ der Reste aus der Molkerei zur Rede stellen. Auf Tang Minzhis anfänglich erstaunte Rückfrage, was denn an ihrem Verhalten so schlimm gewesen sei, da es sich dabei doch nur um Abfall gehandelt habe, erhält sie die belehrende Auskunft, dass auch der Abfall immer noch dem Sozialismus gehöre, er könne nicht zum Eigentum einzelner Personen werden. Urteile wie dieses graben sich in ihrem Gedächtnis ein, so dass sie diese auf die Frage ihrer ältesten Tochter Yanling, was sie sich eigentlich hat zuschulden kommen lassen, Belehrungen wie diese sogleich auswendig hersagen kann.
Der große Druck, der sich in ihr nach all den Bestrafungsmaßnahmen aufgestaut hat und sich nun ein Ventil verschafft, kommt auch in jener Szene zum Ausdruck, in der sie unter der Bettdecke liegt und zunächst den üblichen Slogan „Lang lebe der Vorsitzende Mao! „Lang lebe der Vorsitzende Mao! Möge …“ ruft und danach in üble Flüche ausbricht. Hier zeigt sich, dass Tang Minzhi trotz aller Indoktrinationsversuche die alltäglich auf das Volk einprasselnden Parolen nicht wirklich verinnerlicht hat.
Als einfache Frau mit nur drei Jahren Schulausbildung war Tang Minzhi jedoch nicht in der Lage, politische Parolen, etwa wenn die Menschen über plötzliche Richtungswechsel in der Politik informiert werden, auf ihre Richtigkeit zu hinterfragen. Dies zeigt die Autorin am Beispiel von Maos Kurswechsel in der Beurteilung von Liu Shaoqi 刘少奇 (1898–1969), über den Tang Minzhi in ihrer ersten Selbstkritik schreibt:
Von Februar 1962 bis zur sozialen Erziehungsmaßnahme liegen genau drei Jahre und neun Monate. In diesen über drei Jahren habe ich aufgrund meiner engstirnigen, selbstsüchtigen Denkweise, die auf Ideen der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums beruht sowie unter dem Einfluss des Giftes der Sechs Schwarzen Theorien von Liu Shaoqi, der Partei politisch und wirtschaftlich einen irreparablen Schaden zugefügt. Daher ersuche ich die Partei, mir eine Disziplinarmaßnahme zu erteilen, mit der ich mich selbst auspeitschen werde. Ich werde diese Lektion auf jeden Fall annehmen und ein ganz neuer Mensch werden. (Kap. 8)
Slogans wie der von „Liu Shaoqis Sechs Schwarzen Theorien“ dienten Mao zur Rechtfertigung seiner Entscheidung, diesen zu stürzen, als er ihm nicht mehr in seine eigene politische Linie passte. Tang Minzhi wurde in den Jahren, in denen sie eine Selbstkritik nach der anderen verfasste, dazu gezwungen, all die Slogans, die während des Zickzackkurses der Partei ausgerufen wurden, zu wiederholen, und so entstand in ihrem Kopf – wie in den Köpfen so vieler anderer – ein verfälschtes Bild von der politischen Realität. Die Internalisierung von solchen Parolen, die sich teils jeder inneren Logik entzogen, führte zu dem, was Kan Yujing in ihrem Vorwort als „Pseudo-Wahrheit“ (weizhengque 伪正确) bezeichnet. So lässt die Autorin ihre Mutter über Liu Shaoqi so reflektieren:
Manchmal dachte Tang Minzhi: Dieser Liu Shaoqi war sogar Staatsoberhaupt, doch nicht mal er konnte der kapitalistischen Korruption standhalten, doch schließlich wurde er beizeiten vom Vorsitzenden Mao erwischt und abgesetzt, auf diese Weise rettete er unser Land. (Kap. 17)
Dass sich Tang Minzhis Persönlichkeit angesichts all der ihr widerfahrenen Belehrungen und Denunziationen auch selbst verändert hat, wird etwa angedeutet, als es um den Selbstmord eines Neffen von Qin Shikun geht, der, wie Tang Minzhi aus erster Hand erfahren hatte, durch die Abweisung seitens einer Kommilitonin ausgelöst wurde, die fest entschlossen war, sich nicht von ihrem Studium abbringen zu lassen. Tang Minzhi selbst ist es, die entgegen dem Wunsch der Mutter des verstorbenen Neffen die Studentin als Verantwortliche bei der Unileitung anzeigt, die daraufhin entlassen wird. Ihre Töchter, die zuvor ihre Mutter als ein Vorbild an Empathie empfunden hatten, zeigen sich alle entsetzt über ihre harte Vorgehensweise, die hier in einem geradezu pervertierten Gerechtigkeitssinn zum Ausdruck kommt.
Diese Verhärtung in Tang Minzhis Wesen, die sich offenbar durch den ständig auf sie ausgeübten Druck, ihre „Sünden zu bekennen“, entwickelt hat, kommt auch in ihrem Umgang mit ihrer ältesten Tochter Yanling zum Ausdruck, als diese ihr gesteht, dass sie eine Affäre mit dem Präsidenten des Gerichts habe, an dem sie selbst als Juristin arbeitet. Die Tatsache, dass dieser ein verheirateter Mann ist, veranlasst Tang Minzhi dazu, ihre Tochter als moralisch verderbt zu bezichtigen, da sie die Familie eines anderen Menschen zerstöre. Yanling, die sich zunächst trotzdem darauf verlässt, dass ihre Mutter die Affäre für sich behalten würde, muss kurz darauf erfahren, dass das ganze Gericht bereits von dieser Liaison in Kenntnis gesetzt worden ist – offenkundig durch ihre Mutter.
Gerade die älteste Tochter Yanling– zumindest deutet dies der Roman an – dürfte allerdings auch diejenige sein, auf die sich die Traumata, die ihre Mutter erlitten und durch sie zunehmend verhärtet wurde, am stärksten ausgewirkt haben. Ihre Tendenz, andere Menschen zu dominieren, kommt etwa in ihrer unduldsamen Art ihrem Chauffeur gegenüber zum Ausdruck, der sie und ihre drei jüngeren Schwestern, jenseits seiner eigentlichen Verpflichtung, zu einem Ausflugsort fährt und sich bei der Abholung für den Rückweg verspätet. Man spürt, dass Yanling – hier sehr ihrer Mutter in der Zeit nach den erlittenen Demütigungen ähnlich – Genugtuung dabei empfindet, Untergebene zu drangsalieren.
Was den Charakter von Qin Shikun und seine Rolle während jener Zeit betrifft, so gewinnt man als Leser den Eindruck, dass – auch wenn die Ehe zwischen ihm und Tang Minzhi von jenen ständigen Eifersüchteleien wegen möglicher Affären ihres Mannes belastet ist –, Qin Shikun doch während der Zeit, in der seine Frau zunehmend unter Druck gerät, stets zu ihr hält. Das wird beispielsweise deutlich im Zusammenhang mit dem Wunsch der zweitältesten Tochter Yanxiu, als „gebildete Jugendliche“ dem Geist der Zeit entsprechend aufs Land, statt weiter in die Schule zu gehen. Beide Elternteile sind anfangs strikt dagegen, doch da Yanxiu darauf besteht und die Parole ausgegeben wird, aus jeder Familie müsse ein Kind aufs Land verschickt werden, geben sie schließlich nach.
Auch sonst wird in den Dialogen zwischen Tang Minzhi und Qin Shikun – so sie sich nicht gerade wegen vermeintlicher Affären Qins in den Haaren haben, immer wieder deutlich, wie kritisch gerade er die immer grotesker werdenden Vorgaben der Partei sieht. Oft amüsiert er sich geradezu über Auswüchse der neuen Politik, etwa wenn er seiner Frau von den beiden „gebildeten Jugendlichen“ erzählt, die sich über die Frage Gedanken gemacht hätten, ob auch der Große Vorsitzende Mao mal kacken gehen müsse.
Letztendlich kann man, wenn man genau liest, an den Reflexionen Qin Shikuns über seine Frau nicht nur erkennen, dass sie ihm, trotz seiner Eskapaden, sehr wichtig gewesen sein muss, sondern auch, dass er ganz offenbar von beiden der Empathischere ist. Dies kommt besonders an einer Stelle des Romans zum Ausdruck, an der die Autorin Qin Shikun darüber nachdenken lässt, welche Wesensmerkmale Tang Minzhis möglicherweise zu ihrer zunehmenden Verhärtung geführt haben und warum er sich letztlich nicht gegen ihr unfaires Benehmen ihm gegenüber zur Wehr setzt, abgesehen davon, dass er sich innerlich von ihr distanziert:
Qin Shikun ließ Tang Minzhi gewähren. Er wusste, er konnte sie und ihre unerschütterliche Art nicht ändern. Diese Unerschütterlichkeit, die zeitweise beinahe kühl und distanziert wirkte. Wann kam sie auf, wo kam sie her? Für Qin Shikun war das ein Rätsel, das er nicht lösen konnte. Gelegentlich war er auch zu faul. Zu faul, um darüber nachzudenken, zu faul, um etwas zu ändern. Er erinnerte sich noch an damals, als sie in der gleichen Einheit arbeiteten. Neben der Belastbarkeit, die Tangs Charakter anhaftete, bestand ihre nicht enden wollende Leidenschaft für die Kollegen, für ihre Arbeit, für ihn und seine Familie. Mit der Zeit kamen die Veränderungen in ihr immer deutlicher zum Vorschein. Manchmal dachte Qin daran, dass womöglich die Last des Lebens zu schwer für sie gewesen war, insbesondere die Auswirkungen des Korruptionsfalls in der Molkerei. Nicht die Überreste der Milchproduktion wurden dort gestohlen, sondern Tangs angeborene Leidenschaft und ihr Mitgefühl. Dann gab es noch den Einfluss der Kulturrevolution, die ihrem Gedankengut und ihrer Gefühlswelt eine Lektion entgegen aller Logik erteilte und ihren heutigen unerschütterlichen Willen formte. Dies alles veranlasste Qin Shikun dazu, Rücksicht auf sie zu nehmen. (Kap. 29)
Auch wenn die Traumatisierung von Menschen, ja ganzen Generationen, über lange Zeiträume hinweg im Zentrum dieses Romans steht und ganz offenbar zu einem Lebensthema der Autorin geworden ist, wirkt Kan Yujing, wenn man sie im Gespräch erlebt, durchaus nicht wie eine pessimistische Person, im Gegenteil sprüht sie vor Ideen und ist voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In Gesprächen macht sie immer wieder deutlich, wie ihr die Gedankenfreiheit des Individuums zum zentralen Ziel einer aufgeklärten Menschheit geworden ist. Laut der Autorin gibt uns Literatur eine Möglichkeit, in historischen Zeitläuften die Wahrheit zu finden. Und im Idealfall einige Fehler und Abwege zumindest im Nachhinein zu erkennen, und so vielleicht zu vermeiden, dass sie sich wiederholen. Möge das Buch in diesem Sinne seine Wirkung entfalten!
Prof. Dr. Andreas Guder und PD Dr. Dorothee Schaab-Hanke
Berlin und Gossenberg, im März 2025
[1] Wie Frank Dikötter im Vorwort zu seinem Buch Mao’s Great Famine: The History of China’s Most Devastating Catastrophe, 1958–1962 (New York: Walker, 2010), xii, gestützt auf an die tausend Archivdokumente, die ihm zugänglich gewesen seien, schreibt, müsse man, statt wie bislang von 15 bis 32 Millionen, von mindestens 45 Millionen Toten während jener Zeit ausgehen.
[3] Wie Daniel Leese in seinem Buch Die chinesische Kulturrevolution (Beck 2016), 11, schreibt, werden die beschriebenen Geschehnisse in solchen Werken zumeist entweder aus der Perspektive der ehemaligen Rotgardisten selbst oder der damals mit Lehre und Unterricht befassten Opfer erzählt, während die Hintergründe der Entwicklungen im ländlichen Raum und in den Grenzgebieten deutlich weniger Beachtung gefunden haben.
[4] Eine Übersetzung ins Französische erschien bereits 1992, Monika Motschs deutsche Übersetzung kam 2023 beim Ostasien Verlag heraus.
[5] Das Buch erschien, ebenfalls in der Übersetzung von Monika Motsch, als bilinguale Ausgabe 2012 beim Ostasien Verlag.
[6] So der Titel der deutschen Übersetzung von Ulrich Kautz, publiziert 1998 bei Cotta. Der Roman wurde von Zhang Yimou 张艺谋 (geb. 1950) bereits 1994 erfolgreich verfilmt.
[7] Erschienen in der Übersetzung von Ulrich Kautz unter dem Titel „Der Mann, der sein Blut verkaufte“ 2000 bei Klett-Cotta.
[8] Die deutsche Übersetzung, ebenfalls von Kautz vorgelegt, erschien 2009 beim S. Fischer Verlag.
[9] Die deutsche Übersetzung von Ulrich Kautz wurde unter dem Titel „Der Englischlehrer“ 2014 im Ostasien Verlag publiziert.
[10] Deutsche Übersetzung Rote Azalee: Ein Frauenleben in China, aus dem Englischen von Werner Peterich 1994 bei Kiepenheuer & Witsch.
[11] Deutsche Übersetzung Wilde Schwäne: Geschichte einer Familie. Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute, aus dem Englischen von Andrea Galler und Karlheinz Dürr, erschien 1993 bei Knaur.
[12] Die deutsche Übersetzung von Giò Waeckerlin Induni erschien unter dem Titel Balzac und die kleine chinesische Schneiderin 2003 bei Piper.
[13] Der damals von der Parteiführung propagierte Slogan lautete: zhishi qingnian shang shan xia xiang 知识青年上山下乡 (Die gebildeten Jugendlichen gehen in die Berge und aufs Land).
[14] Übersetzt wurde der Roman von dem 2020 verstorbenen Frank Münzel, im Buch mit dem Pseudonym „Lao Men“ bezeichnet. Siehe hierzu auch die Rezension von Thomas Weyrauch in ASIEN 164/165 (Juli/ Okt. 2022), 241-245.
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